Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den Sonntag Kantate, den Sonntag des Gesangs, steht im Lukasevangelium, Kapitel 19, die Verse 37-40: Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing de ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: “Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn. Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe.“ Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

Liebe Gemeinde, an diesem Sonntag wird in der Kirche niemand singen und jubilieren, die Orgel schweigt und die Konfirmation fällt aus. Die Glocken werden um 10 Uhr läuten und lediglich das Kirchengebäude und der Turm geben Zeugnis, dass hier ein Gotteshaus ist, gebaut, um Gott zu loben und darin christliche Lieder zu singen. Die Steine, die ja keine Stimme haben, und immer schweigen, geben doch Zeugnis, für die Botschaft, die dahintersteht.

Als wir den Turm, eine Ansammlung von Steinen bis in 27 m Höhe renoviert haben, ist uns das Symbol eines Bauwerks bewusst geworden. Menschen, die gar nicht in die Kirche gehen oder höchstens einmal im Jahr, haben Geld für diesen Turm gespendet, weil sie es wichtig finden, dass es ein Gotteshaus gibt, in dem Gottesdienste gefeiert und Lieder gesungen werden. Das ist dann Symbolpolitik im besten Sinne.

Vor dem Einzug nach Jerusalem sind die Jünger ganz euphorisch, als sie die Stadt vom Ölberg aus sehen. Ich erinnere mich gut daran, als ich vor 26 Jahren dort stand und meine Kamera gezückt habe und viele Bilder davon geschossen habe. Die Jünger freuen sich auf das Passahfest und erhoffen sich, dass Jesus als neuer König nicht nur nach Jerusalem einzieht, sondern auch dauerhaft dort herrscht, so wie es in den alten Schriften verheißen ist.

Doch das mit dem neuen König kann Ärger geben, dass wissen, die in der Schrift geschulten und überaus gebildeten Pharisäer. Sie erkennen Jesus als Meister mit einer Gefolgschaft an und bitten ihn, die Jubler zur Mäßigung zu bringen. So wie ich heute Sänger in der Kirche zum Schweigen bringen müsste, weil aktuell niemand singen darf, ja wir heute sogar auf einen Gottesdienst in Präsenz verzichten. So bezeugen die Steine, die Botschaft von Jesu Königtum.

Es war auch befremdlich, als wir vor einem Jahr nach dem ersten Lockdown gerade am Sonntag Kantate, auch da hatten wir Konfirmation verschoben, wieder Gottesdienst feiern durften aber Singen war auch verboten. Inzwischen haben wir uns an so etwas gewöhnt, aber innerlich dürfen wir und daran nicht gewöhnen, stumm zu sein, denn sonst müssen die Steine unseres Turms anfangen zu schreien. Wo Leben ausgebremst wird, wo Unrecht geschieht, wo die Herrschenden ihre Macht missbrauchen, da braucht es Leute, die ihre Stimme erheben und nicht schweigen. Auch wenn vielerorts Menschen mundtot gemacht werden, denken wir an Belarus oder Russland, an die Türkei oder China, so braucht es dort, wo noch Presse-, Meinungs- und Glaubensfreiheit herrscht, Menschen die aufstehen und ihre Stimme erheben.

Seit engen Tagen hängt an unserem Gemeindehaus eine Regenbogenflagge für die LGBTIQA-Community. Lange genug wurden diese Menschen in unserer Kirche verfolgt und hatten keine Stimme. Nach und nach wuchs auch in unserer Kirche das Bewusstsein, dass wir diesen Menschen Unrecht getan haben, und dass auch aufgrund der Bibel, ihnen volle Gleichberechtigung zugesprochen werden kann.

Die Fahne, die zwar auch keine Stimme hat und schweigend hängt, gibt diesen Menschen eine Stimme der Solidarität. Vor drei Jahren sind wir der Initiative Regenbogen beigetreten, die sich für die volle Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen einsetzt und auch dafürsteht, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. Inzwischen haben wir in unserer Gemeinde auch die Bedingungen erfüllt, um in Zukunft offiziell mit dem Segen der Kirchenleitung segnen zu dürfen. Wir sind damit nicht allen, über 170 Gemeinden in Württemberg gehen diesen Weg mit. Und die Flagge hängt auch aus Solidarität mit den katholischen Gemeinden, die sich dem Verbot des Vatikans widersetzen, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen.

Jesus gibt den Menschen eine Stimme, die von der Welt stimmlos und willenlos gemacht werden. Er richtet die auf, die entrechtet und niedergeschlagen sind, gerade jetzt in dieser Zeit, die viele Menschen so sehr frustriert und ohnmächtig macht. Ein Stein auf einem Grab, eine Steinansammlung in 27 m Höhe zeugen von dem Willen Gottes, dass wir in Freiheit und Frieden leben sollen und heute innerlich, aber bald wieder voller Freude singen dürfen: „Ich lobe meinen Gott, von ganzem Herzen. Erzählen will ich von all seinen Wundern und singen seinem Namen. Ich lobe meinen Gott von ganzen Herzen. Ich freue mich und bin fröhlich Herr, in dir, Halleluja. Ich freue mich und bin fröhlich Herr in dir, Halleluja. Amen.

Manfred Metzger, Ev. Pfarrer in Unterkochen und Ebnat

Aufgrund der gestiegenen Sieben-Tages-Inzidenz werden Gottesdienste in Gebäuden vorerst nicht gefeiert. Gottesdienste finden bis auf weiteres ab Sonntag, 9. Mai 2021 im Freien statt.